Aktivengroßfahrt nach Südfrankreich - Gralsfahrt Herbst 2008

... einige Auszüge aus unserem Fahrtentagebuch

Katharerland im Herbst Narbonne

„om mani patme hum” lautet das Mantra, das uns Henri für unsere Gruppe in das Fahrtentagebuch schreibt - „ob wir die Blüten im Jasmintee auch sehen”, fragt seine Frau Yolande: „ ... - ja doch, doch, tatsächlich, hier, schön, sehr schön ... ”. So lauschen wir in Villerouge-Termenès den Erzählungen von realen und astralen Reisen eines Mannes, der 15 Jahre in Tibet lebte und wirkte und nun in diesen verlassenen Flecken Okzitaniens sozusagen versetzt worden ist. Hier, an diesen Ort, wo 1321 der letzte vollkommene Katharer auf dem Scheiterhaufen verbrannt wurde. „Wir leben an einer entscheidenden Wegmarke in der Geschichte der Menschheit: Es ist der Übergang vom materialistischen Zeitalter hinein in das des spirituellen Geistes.” „Ob wir noch zu einer kleinen Meditation bleiben wollen?” Ach, der Tee ist auch so schon ganz nett und die dazu gereichten Neapolitanerschnitten reichen uns vollkommen aus ... Dass wir hier nach erster Wanderung unseren ersten Teeplausch verbringen dürfen, ist natürlich ebensowenig ein Zufall, wie die Weintrauben in Griffhöhe am Morgen beim ersten Blick aus dem Schlafsack oder unser Frühstück auf dem Col de Villerouge, dem ersten Hügel der Pyrenäen. Es ist Frühherbst im Katharerland und wir sind endlich auf Fahrt!

Yolande
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Palairac

Bei einbrechender Dunkelheit erreichen wir das Bergdörfchen Palairac. Der Ort erscheint derart malerisch in der Dämmerung und im Schein der Laternen, dass wir erst einmal ein Paar Lieder am Brunnen des Dorfplatzes singen. Kai treibt von irgendwo her Faltblätter auf, die uns erzählen, dass hier wohl der Heilige Gral läge. Unter diesen günstigen Vorraussetzungen kann man ja nur bleiben, und so landen wir im Garten von Sybil und Peter, zwei vor 30 Jahren hierher ausgewanderten Engländern, von denen es im übrigen hier in dieser Gegend haufenweise gibt. Der Abend entwickelt sich schließlich ein wenig skuril: die Fahrtengruppe der Deutsche Gildenschaft begibt sich auf eine volkskundliche Forschungsreise zu den Feierabendgewohnheiten jugendlicher Traubenpflücker: frischer Rosé-Wein, „freestyle-Klampfenspiel” und Kiffen ... aber sie sind eigentlich wirklich ganz zahm und durchaus kreativ ...

Suzah auf den alten Minen Wo geht's lang
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Katharerland Kai in Padern
Gruppenbild in Peyrepertuse Weg nach Peyrepertuse

Vor uns erscheint die Katharerfestung Peyrepertuse. Bereits am Tag zuvor war die Festung auf dem imposanten Fels von weiten zu sehen gewesen, nun wird sie von uns erobert: brav und gesittet, nachdem wir die 5,-€ Eintritt gezahlt und der freundlichen Kassiererin ein nettes Lächeln geschenkt haben. Oben auf der Burg frustrieren uns erst einmal zwei rüstige Deutsche, die ein wenig über uns und unsere Fahrt lächeln müssen - sie gingen zuletzt von München aus für ein Jahr den Jakobsweg entlang. Naja, wenn wir mal groß sind machen wir so etwas sicherlich auch alles einmal. Nun begeistern uns zunächst die große Festungsanlage und der herrliche Ausblick über das Land.
Da fünf Euro Eintritt für Studenten ja schon eine ganze Menge Geld sind, beschließen wir, dass dies wohl inklusive Übernachtungskosten zu verstehen sei und verbringen die Nacht in den obersten Gebäuderesten der alten Festung. Es ist die frühere Kapelle, die bei Fackelschein und Sternenhimmel ihren besonderen Reiz vor uns nicht zu verbergen weiß. Der erhoffte Sonnenaufgang am Morgen fällt leider in den Nebel, dafür freuen sich die Fotoreporter der holländischen Reisezeitschrift „Reizen” aber umso mehr, echte deutsche Wandervögel aus dem Dunst auftauchen zu sehen.

Katharerfestung Peyrepertuse
Nacht in Peyrepertuse
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Queribus Queribus
Rast in den Bergen

Den Tag über geht es auf einsamen Wegen zur Einsiedelei „Georges de Galamus”. Nur Gutes war uns zuvor von dieser herrlich gelegenen Einsiedelei mit seiner netten Herbergsmutter berichtet worden. Dort angekommen, weist sich diese besonders durch einen großen Autoparkplatz und einen davon innerhalb von zehn Minuten zu erreichenden, geschlossenen Gebäudekomplex aus. Wir machen das Beste draus und schaffen es erstaunlich schnell, dass uns deutsche Touristen unbedingt ihr Panaché (Radler) schenken wollen und uns von Otto Rahn und dem Heiligen Gral erzählen. Beim zum Dank angestimmten „Wir wollen zu Land ausfahren” fällt die Mutter des Gralsforschers mit ein: Eine alte Bündische. Bei Mondschein wandern wir schließlich noch lange in die Nacht hinein, ab von dem Rummel wieder hinein in die einsame Welt der Berge.

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Nachdem wir einen Teil des Nachmittages in der Umgebung des Pic de Bugarach bei einem Einsiedler verbracht haben, zieht es uns wieder hinaus auf die Landstraße zu einem kleinen Tramp nach Rennes les Bains. In unseren Köpfen schwirren noch die Gedanken an die große Sammlung prähistorischer Knochen und die verschiedenen ökologischen und energiesparenden Erfindungen, die uns der Einsiedler bei Tee in seinem Haus präsentierte. Auch wir wollen nun quasi Energiesparer sein und die 37 °C warmen natürlichen Quellen von Rennes les Bains zu einem kleinen Duschbad nutzen - wir haben es uns wohl verdient. Doch kaum im Ort angekommen wirbeln die Erlebnisse des Tramps schon wieder alles ein wenig durcheinander: Kai, der von uns mit Abstand am besten französisch spricht, hatte eigentlich nur einen freundlichen Plausch führen wollen ... „Und, was macht ihr heute noch so?” „Ach, heute ist ja die Nacht vom 12. auf den 13.Oktober und da treffen wir uns mit Gleichgesinnten aus ganz Frankreich auf einem Berg hier in der Nähe und warten auf die Rückkehr der Tempelritter. Sie hatten hier einst eine goldene Glocke verloren, und die sind sie nun jährlich in dieser Nacht als Untote am Suchen. Wenn Ihr Lust habt, könnt ihr ja vorbeikommen.” Da wir uns mittlerweile schon daran gewöhnt haben, dass einige Menschen hier ein wenig „ungewöhnlich” sind - jedoch bisher stets äußerst gastlich und freundlich - steht der Beschluss nach wenigen Sekunden fest: Duschen wir uns und feiern dann ein wenig mit Untoten auf irgendwelchen Bergen. Der Rest des Abends, das abenteuerliche Hinkommen, der stürmische Aufstieg bei Nacht, die Einladung zu allerlei französischen Speisen im Walde, so manche „Einweihung” in das Wissen der Templer, Rosenkreuzer und was weiß ich wem, passt wohl nicht ganz hierher und würde den Rahmen vermutlich sprengen.

Meike vorm Pic de Bugarach
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Mit Rennes le Chateau ist das ja so eine Sache: Klar sind die Geschichten um den Priester Saunière, der gegen Ende des 19. Jahrhunderts mit einem Mal erstaunlich reich wurde und bei der Kirchrenovierung über das Eingangsportal schrieb „Dies ist ein schrecklicher Ort” uns nicht unbekannt. Jedes Jahr zieht dieser Ort die verschiedensten Esoteriker, Okkultisten, Gralsforscher und einfache Schatzsucher an.
Nach dem Abendessen direkt unterhalb der Kirche finden wir alle den Ort mit seinem ständigen Glockengeläute nicht wirklich so einladend zum Übernachten und beschließen, noch ein wenig weiter zu wandern. Ein Einwohner des Ortes ist wohl der Ansicht unseren Entschluss noch verstärken zu müssen und drückt uns eine Flasche Wein mit dem Worten in die Hand, dass wir Rennes le Chateau umgehend verlassen sollen. So kehren wir dem Ort den Rücken zu und marschieren in den Abend hinein. Warum uns dieser blöde Köter vom Mann mit dem Wein nun unbedingt begleiten muss ist uns zunächst ein wenig unklar. Irgendwann lassen wir ihn im nächsten Ort entscheiden, wohin es nun weitergehen soll. Endlich findet der Hund sein Ziel: einen anderen Hund nebst Dame, die mit jenem gerade Gassi gehen ist. „Ah, deutsche Jugendliche! Wollt ihr nicht noch mit hineinkommen in unser Haus und ein Gläschen Wein mit uns trinken?” Da man eine solch nette Einladung abends gegen halb elf ja nun wirklich nicht abschlagen kann, geht es mitten hinein ins Haus. „Ach, von Rennes le Chateau kommt ihr? Dann kennt ich ja auch die Geschichten vom Pfarrer Saunière! Er wurde übrigens genau hier geboren ... manchmal nerven die Schatzsucher vor der Haustür schon ein wenig ...” Gut, nun wissen wir auch, warum uns der Hund unbedingt führen wollte.
Der Abend entwickelt sich glücklicherweise ein wenig bodenständiger, als es die Gegebenheiten unseres Kennenlernens hätten vermuten lassen. Unsere beiden Gäste, bei denen wir selbstredend bleiben und nächtigen müssen, wanderten vor einigen Jahren aus Deutschland aus, da sie die bedrückende Schuld, die Deutschland im 20. Jahrhundert auf sich geladen hat nicht mehr ertragen konnten. Über dem Kamin hängt das Bild des Vaters in Wehrmachtsuniform, in den Schränken der Buchkanon über Auschwitz. Bis spät in die Nacht hinein führen wir noch äußerst gute Gespräche mit den Beiden, bevor wir in deren Bibliothek unseren Schlaf finden. Wir sind im südlichsten Frankreich, sprechen nachts mit uns bis daher unbekannten Deutschen über die Tragik unseres Volkes im 20. Jahrhundert und finden nun unsere Nachtruhe inmitten eines gutbürgerlichen Buchschatzes der deutschen Dichter und Denker.

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Abendstimmung: Suzah und Rosé Bei dt. Gastgebern am Geburtsort Saunieres
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Montsegur bei Nacht Feuer in Montsegur
Am Feuer in Montsegur Rosé spielt auf zur Nacht

Vor Montségur klassisch erst einmal auf zwei Nerother mit Steinen im Gepäck für die Waldeck gestoßen. Bei Dunkelheit treffen Meike und ich auf Suzah und Kai, die schon ein Weilchen auf uns im Dorf Montségur gewartet haben. Aber wir hatten nun einmal Verpflichtungen, wurden noch genötigt im Dorf zuvor auf ein Glas Wein bei einem durch Kampfsport absolut ausgeglichenen Anarchisten und seiner Familie zu bleiben ... .
Als wir das Dorf verlassen um nach einem Schlafplatz Ausschau zu halten, merken wir, dass wir uns in einer sternenklaren Vollmondnacht befinden. Über uns thront in mächtiger Höhe die Festung Montségur - wir wissen um unser Ziel! Nicht nur wir sind von der Vollmondnacht gebannt: Überall um uns herum raschelt und knistert die Natur aus dem Unterholz. Da erheben sich vor uns auch schon die Mauern der Festung und der Mondschein lenkt unseren Blick in das Innere hinein. Als der Feuerschein die alten Steine erhellt, zieht langsam Nebel auf und umhüllt den Ort. Wir stehen auf den obersten Mauern und schauen, wie die Dörfer und Täler langsam im tiefen Nebel versinken.
Die Fahrt beginnt sich langsam dem Ende entgegen zu neigen. Morgen wollen wir nach Carcassonne, bevor es wieder zurück in die Heimat geht.

Ausblick Montsegur
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Süßwarenladen in Carcassonne Bei Madame Couquet
Carcassonne
Gruppenbild mit Dame(s)

Nachtrag

Kai und ich sitzen in irgendeinem alternativen Szenetreff in Frankfurt und verspeisen das vorzügliche „Volxküchenbüfett”. Bei so vielen eigenwilligen Erlebnissen halten wir diesen Ort genau für das Richtige, um unsere Fahrt ausklingen zu lassen. Hinter uns liegt die frühherbstliche Landschaft Okzitaniens mit seinen Burgen und Dörfern und den vielen herzlichen Menschen. Der Geschmack der frischen Trauben, die warmen Nächte und der Geruch von Thymian und gelbem Laub ist Erinnerung geworden. Wie geplant wurde die Frankfurter Buchmesse zum Ziel unseres gemeinsamen Fahrtenabschlusses. Noch leicht benebelt erlebten wir all die vielen Menschen, bunten Stände und Buchvorstellungen.

Wann und wohin wird es uns das nächste Mal wieder auf große Fahrt treiben?





rosé, Herbst 2008


















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